Carte Blanche 2022

Theorie und Praxis klaffen auseinander

„Carte blan­che“ der Volksstimme vom 29. April 2022

Andrea Heger, Gemeindepräsidentin und Landrätin EVP, Hölstein

Sicher haben Sie sich auch schon geär­gert, wenn Ihnen ­– ganz gemäss dem Sprich­wort „Was­ser pre­di­gen und Wein trin­ken“ – bewusst wurde, dass jeman­des Worte nicht mit dem tat­säch­li­chen Han­deln über­ein­stimm­ten. Und wie es so ist, fällt es leich­ter, diese Untat bei Ande­ren als bei sich selbst zu ent­de­cken. Wir han­deln ja nicht in böser Absicht. Es fällt ein­fach leich­ter, in Theo­rie und Eupho­rie Ideale zu defi­nie­ren, als sie im All­tag umzu­set­zen. Eine sol­che Pro­ble­ma­tik liegt auch bei der Abstim­mung zum Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setz vor.

Je nach Umfrage und Interpretation zeigen sich rund 50 bis 80 Prozent unserer Bevölkerung zu einer persönlichen Organspende bereit. Einen Spendeausweis besitzen jedoch nur 16%. Hier setzt das zur Abstimmung stehende Transplantationsgesetz an. Neu soll die «erweiterte Widerspruchsregelung»gelten: Jede Person, die nicht zu Lebzeiten einer Organspende widerspricht, wird automatisch Organspender*in. Bisher gilt in der Schweiz bei Organentnahmen die «erweiterte Zustimmungslösung». Organe dürfen also nur entnommen werden, wenn dem zugestimmt wurde. Das neue Gesetz führt folglich einen fundamentalen Wechsel ein. Um heikle Aspekte dieser Vorlage aufzuzeigen und den Weg für die bessere «Erklärungslösung» frei zu machen, ergriff  ein aus medizinisch und ethischen Fachpersonen bestücktes überparteiliches Komitee das Referendum.

Schweigen ist nicht automatisch JA

Einig sind sich Befürworter wie Gegner, dass die Spendenzahl erhöht werden soll, Diskrepanz herrscht bei der Art und Weise. Aus Sicht des Komitees «Nein zur Organentnahme ohne Zustimmung» sprechen medizinische, ethische und juristische Argumente gegen die Widerspruchsregelung. Mit ihr wird Schweigen automatisch als Zustimmung gewertet.Das widerspricht anderweitiger Praxis. Mit Programmen wie «Mein Körper gehört mir» lernen wir unserer Jugend für ihr in der Bundesverfassung verbrieftes Menschenrecht auf Selbstbestimmung und Unversehrtheit des Körpers zu pochen. Bei der Revision des Sexualstrafrechtes sagen viele «Nur ein Ja ist ein Ja». Bei Impfungen ist eine Zustimmung nötig, bei grösseren medizinischen Eingriffen gar eine schriftliche.

Widerspruchsregelung ist nicht automatisch mehr Organspenden

Die erweiterte Widerspruchslösung setzt zudem die Angehörigen in der schweren Situation des Abschiednehmens zusätzlich einem starken Entscheidungsdruck aus. Liegt keine Willenserklärung vor, müssen sie innert wenigen Minuten unter Schock und Trauer entscheiden und glaubhaft machen, dass ihr Entscheid dem Wunsch des Sterbenden entspricht. Ebenso fehlen wissenschaftlich fundierte Belege dafür, dass die unethische Widerspruchsregelung die Zahl der Organspenden wirklich erhöht.

Ein Nein zum Transplantationsgesetz ist der Weg für Aufklärung

Ein Nein zum vorliegenden Transplantationsgesetz macht den Weg für die «Erklärungslösung» der nationalen Ethikkommission frei und behebt das Problem an der Wurzel. Der Bund soll sicherstellen, dass sich alle regelmässig, z.B. bei der Passverlängerung oder beim Hausarzt, mit der Frage der persönlichen Organspende auseinandersetzen und ihren Willen hinterlegen. Denn nicht Zwang, sondern Aufklärung und klare Dokumentation sind nötig. 

Die Angst ist ein schlechter Ratgeber

„Carte blan­che“ der Volksstimme vom 22. März 2022

Charlotte Gaugler, Gemein­de­prä­si­den­tin, EVP, Lampenberg

Während ich mir Gedanken mache, worüber ich meine «Carte blanche» schreiben möchte, höre ich zwei Kindergärtler miteinander reden: «Es ist Krieg, weisst du, jetzt schiessen sie mit richtigen Kanonen!» «Ja, sie sind ganz nah und richtige grosse Panzer haben sie auch!» – «Boah! Und Bomben! Da ist alles flach …» Aus den Stimmen der Buben ist auch eine gewisse Angst herauszuhören.

 

«Angst lernen Kinder nur von uns Grossen»,
schrieb Wilhelm Engelhardt (1857–1935), Lehrer und Kantor.

Ja, aber warum? Sollten wir unsere Kinder nicht schützen? Ihnen eine Art mentale «Sicherheit» vermitteln können? Haben wir selber so viel Angst, dass wir dazu nicht mehr in der Lage sind?

Begründete und unbegründete Angst ist allgegenwärtig

Über Angst wird unendlich viel geredet und geschrieben und Ängste – begründet oder nicht begründet – sind allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Seit zwei Jahren die Angst vor einem gefährlichen Virus – aktuell der Krieg von Russland in der Ukraine. Die Medien sind schnell, sie informieren im Detail und mit Bildern. Eine wahre Flut ergiesst sich laufend über uns. Wir wissen gar nicht mehr, was wahr ist und was einfach «sensationell».

Angst vor einem Atomkrieg

Wir wollen helfen, aufhalten, sanktionieren und machen grosszügige Angebote an die ukrainischen Flüchtlinge. Dabei fürchten wir uns gleichzeitig davor, selber in diesen Krieg verwickelt zu werden, rüsten unsere Zivilschutzanlagen auf, kaufen Notvorräte ein. Wir haben Angst vor dem Dritten Weltkrieg, einem Atomkrieg.

Kinder schützen, auch vor unserer Angst

Nicht erstaunlich, dass zwei fünfjährige Kinder dies alles so mitbekommen. Mein Gefühl sagt mir, dass das nicht gut ist. Ich bin keinesfalls dafür, eine heile Welt vorzuspielen, jedoch sind «Tagesschau» und Kriegsreportagen sowie Gespräche unter Erwachsenen über diese Themen nicht für Kinderohren und -augen bestimmt. Die Angst darf nicht ungefiltert weitergegeben werden.

Hoffnung und Vertrauen weitergeben

Es gibt immer etwas zum Fürchten, jedoch auch zum Freudehaben. Es kommt auch hier darauf an, wie wir es betrachten. Nicht alles, was Angst macht, ist auch gefährlich. Wie können wir den Kindern Hoffnung und Vertrauen weitergeben? Indem wir selber nicht ungefiltert alles in uns aufsaugen und uns unseren Ängsten ausliefern. Indem wir uns dem Möglichen zuwenden und das Unmögliche loslassen. Sich aufrichtig reflektieren und erkennen, dass es zum Leben gehört. Haben wir verlernt, ausserhalb unserer Komfortzone zu bestehen? Sind wir nicht dabei, Menschen in der gleichen Not einzuteilen in verschiedene Kategorien (Status)?

Hilfestellung vorleben

Wir können nur eines wirklich tun: Unseren Kindern Mut und Vertrauen vorleben, indem wir sie bewusst in die Hilfestellung (aller) benachteiligter Menschen miteinbeziehen. Ihnen zeigen, wo es uns gut geht und dass helfen ohne Eigennutz ein positives Gefühl ist. Angst nützt niemandem, sie schützt lediglich vor situativen Gefahren. Ein Leben in Angst nimmt uns Ressourcen, die wir für ein gesundes Leben brauchen. 

Notleidende brauchen gesunde Menschen, Menschen mit Herz und Verstand.

 

Kinder und Jugendliche im Fokus

„Carte blan­che“ der Volksstimme vom 7. Januar 2022

Andrea Heger, Gemeindepräsidentin und Landrätin EVP, Hölstein

In letz­ter Zeit wurde viel berich­tet über wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Aus­wir­kun­gen der pro­zen­tua­len Zunahme der älte­ren Gene­ra­tio­nen an unse­rer Gesamt­be­völ­ke­rung. Einer­seits berei­ten die Finan­zier­bar­keit von Alters­vor­sorge und Pfle­ge­be­darf grosse Sor­gen.

Golden Agers

Andererseits ist es auch ein Segen, dass Pensionierte durchschnittlich immer mehr Jahre in guter gesundheitlicher und geistiger Verfassung verbringen können. Viele der älteren Semester leisten sehr wertvolle Dienste, indem sie ihren Wissens- und Erfahrungsschatz für Freiwilligen- und ehrenamtliche Arbeit einsetzen.

Die Wirtschaft profitiert zudem von der gegenüber früher gestiegenen Kaufkraft der «Golden Agers» und nimmt sie werbemässig ins Visier. Auch am anderen Ende der Altersskala investieren Firmen ihr Werbegeld gewinnbringend. Dabei denken Sie wohl spontan an die vergangenen Weihnachtstage und daran, welche Geschenkbedürfnisse befriedigt oder je nachdem vorab bewusst generiert wurden.

Youngsters

Doch auch durchs ganze Jahr stehen Kinder und Jugendliche bei einigen Branchen im Fokus. Ist Ihnen zum Beispiel bewusst, dass Jugendliche in der Schweiz an einem einzigen Samstag 68 Mal mit tabakfreundlichen Reizen berieselt werden? Wissenschaftliche Studien belegen: Je mehr Tabakwerbung Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, desto eher beginnen sie zu rauchen. Genau darauf zielt die Tabakindustrie. Sie bewirbt die besonders werbeempfänglichen Minderjährigen massiv, um sie möglichst früh vom Nikotin abhängig zu machen. So werden sie zu Rauchenden und Kranken von morgen. Rund 32 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren rauchen täglich oder gelegentlich. Damit liegt diese Altersgruppe über dem Schnitt der Gesamtbevölkerung.

Volksinitiative «Kinder ohne Tabak»

Mehr als die Hälfte der rauchenden Bevölkerung hat vor dem 18. Lebensjahr begonnen, regelmässig zu rauchen. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Einschränkungen der Tabakwerbung erfolgreich dafür sorgen, dass Jugendliche weniger rauchen. Hier setzt die Volksinitiative «Kinder ohne Tabak» an. Sie fordert ein Verbot für jegliche Art von Werbung für Tabakprodukte, die Kinder und Jugendliche erreicht. Sie sollen vor dem frühzeitigen Einstieg ins Rauchen und massiven gesundheitlichen Schäden geschützt werden.

Neues Tabakproduktegesetz verhindert keine Werbung auf Social Media oder Gratiszeitungen

In Reaktion auf die eingereichte Initiative hat das eidgenössische Parlament in der Herbstsession das Tabakproduktegesetz verabschiedet. Dieses regelt unter anderem Werbeverbote, die spezifisch auf Minderjährige abzielen, oder Beschriftungsvorgaben auf Tabakprodukten, um vor Gesundheitsschäden zu warnen. Werbung in Gratiszeitungen, an Kiosken, im Internet, auf Social-Media-Plattformen sowie an Festivals bleibt leider weiterhin erlaubt. Genau dort sind besonders viele Jugendliche unterwegs. Somit ist das Problem mit dem neuen Tabakproduktegesetz leider nicht gelöst. Das Initiativkomitee hält daher an der Initiative fest. Am 13. Februar stimmen wir darüber ab.

Helfen auch Sie, die Jugendlichen mit einem Tabakwerbeverbot zu schützen und legen Sie ein Ja zur Initiative «Kinder ohne Tabak» ein.