Carte Blanche 2021

Wer lacht, hat noch Reserven

Carte blanche in der Volksstimme vom 11. Januar 2021

Sandra Bätscher, Gemeindepräsidentin, EVP, Tenniken

Meine Jungs haben eine Anleitung zum digitalen Orientierungstag zur Vorbereitung auf die Rekrutierung erhalten. Ich bin ja gespannt, wie gut das nächsten Dienstag funktioniert. Bekannterweise mussten die neuen Rekruten im Januar via Homeoffice in die Rekrutenschule einrücken. Eine Freundin meinte, sie sei sich nicht ganz sicher, ob und was ihr Sohn da lerne. Unter anderem hätte man den jungen Männern und Frauen Turnübungen für zu Hause aufgegeben, die sie an das Skiturnen mit Jack Günthard und Bernhard Russi in den 80er Jahren erinnere.

Um Kontakte zu reduzieren sind wir alle wieder auf elektronische Kommunikationsmittel umgestiegen. Was einerseits zu Unsicherheit und Stress führen kann, weil die Benutzer Angst haben vor der neuen Technik. Wo schaltet man die Kamera ein und das Mikrofon aus? Was mache ich, wenn ich die anderen Teilnehmer zwar höre, aber nicht sehe und umgekehrt? So ist es mir auch schon passiert, dass ich während einer Zoom-Sitzung mit einem Teilnehmer via Handy verbunden war, weil er sich nicht in die Sitzung einwählen konnte und ich seine Meinung so in die Diskussion einbrachte. Lustig sind natürlich die Geschichten, wenn plötzlich die Kinder in die Sitzung reinplatzen oder der Hund auch mitreden will. Dass gute Kleidung auch in Zeiten von Homeoffice hilfreich ist, haben Sie wahrscheinlich alle schon erlebt oder gesehen. Wenn nicht, auf Youtube finden Sie unter «Zoom Fails» unzählige Beispiele. Da eröffnen sich einem plötzlich ganz neue Perspektiven.

Aber es kann ja nicht alles via Zoom erledigt werden. Das haben wir in den letzten Wochen gemerkt, als es plötzlich zu ungeahnten Mengen an Schnee auf unsere Strassen kam. Auch hier gilt: «Allen Leuten Recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.» Kommt dazu, dass sich die Schneeräumung des Kantons und der Gemeinden wohl an mehr als einem Ort gegenseitig den Schnee zu schaufelten. Sehr zum Unmut der betroffenen Hausbesitzer. Das ging sogar soweit, dass es Gemeindepräsidenten gab, die selber beherzt zur Schaufel griffen und der betroffenen Person den Vorplatz räumten. Auch die Feuerwehr kam in letzter Zeit öfters zum Einsatz. Allerdings handelte es sich zum Glück immer um Einsätze im Zusammenhang mit Ölverlust und nicht um Brände. Wäre ich eine Verschwörungstheoretikerin, hätte ich wahrscheinlich eine Erklärung, warum es gerade jetzt gehäuft zu solchen Vorfällen kommt. Aber ich verstehe ja schon nicht, wieso Superreiche in den Thurgau fliegen, um sich vor allen anderen impfen zu lassen, wenn es doch ihr Plan war, die Welt mit diesem Virus zu infizieren, damit sie nachher alle impfen und chippen können.

Ich für meinen Teil, werde wohl auch die nächsten Wochen viel Zeit vor dem PC verbringen. Die persönlichen Kontakte vermisse ich sehr, ich nehme an, da geht es Ihnen ähnlich. Und was das Arbeiten am Computer angeht, das ist wie U-Boot fahren: Wenn man ein Fenster aufmacht, fangen die Probleme an.

 

Nein zu Hü und Hott in der Bildung

„Carte blan­che“ der Volksstimme vom 9. Februar 2021

Andrea Heger, Gemeindepräsidentin und Landrätin EVP, Hölstein

In diesen Tagen flattern für die Abstimmungen vom 7. März dicke Couverts in die Briefkästen. Es stehen je drei Fragen auf nationaler und kantonaler Ebene an. Die mit teils starken Emotionen verbundenen nationalen Themen sind bereits im Fokus der Öffentlichkeit. Doch auch die kantonalen Vorlagen sind es wert, beachtet zu werden. Daher widme ich diese Zeilen einem meiner Herzensthemen: der Bildung.

Die «Starke Schule beider Basel» will mit der Initiative «Die gigantische und unerfüllbare Anzahl von 3'500 Kompetenzbeschreibungen in den Lehrplänen auf ein vernünftiges Mass reduzieren» und die Beschreibungen in den Lehrplänen für die Primar- und Sekundarstufen zusammengezählt auf 1'000 kürzen. Zudem wird verlangt, dass die Kompetenzbeschreibungen pro Fach und Schuljahr mit klar formulierten Stofflehrplänen und Themen ergänzt werden. Dazu sollen für die Sekundarstufe I die Anforderungsniveaus differenziert und auf die Inhalte und Anforderungen der beruflichen Grundbildung, der Fachmittelschule und des Gymnasiums abgestimmt werden.

Das Anliegen geht auf Unzufriedenheit mit dem schweizweit harmonisierten Lehrplan 21 zurück. Die Starke Schule reichte damals die formulierte Gesetzesinitiative «Ja zu Lehrplänen mit klar definierten Stoffinhalten und Themen» ein. Daraufhin wurde ein Gegenvorschlag erarbeitet. Dieser ergänzte den Lehrplan mit einem zweiten, quasi parallelen Lehrplanteil mit Grobzielen, Stoffhinhalten und Themen. Die Lehrpersonen können seither selbst entscheiden, mit welchem der beiden Teile sie arbeiten. Diese Wahlmöglichkeit ist in der Schweiz bisher einzigartig. Der Lehrplan wurde aufgrund der damaligen Auseinandersetzungen zudem bereits um Differenzierungen nach Jahrgang und Leistungsniveaus ergänzt. Das Volk nahm diesen Gegenvorschlag im Juni 2018 mit über 84% an.

Seit Inkraftsetzung existiert ein umfangreiches Rückmeldeverfahren, welches Anregungen aus der Praxis aufnimmt und den Lehrplan in eine überarbeitete, verbesserte Form bringen will. Zwei der drei Rückmeldeschlaufen haben bereits stattgefunden. Der definitive Sek-Lehrplan wird auf das Schuljahr 22/23 umgesetzt. Danach ist das gleiche Vorgehen für die Primarstufe geplant. Bis auf die konkrete Beschränkung auf 1000 Kompetenzen sind die Anliegen der neuen Initiative also bereits umgesetzt oder im Prozess dazu.

Die Initiative muss dennoch verworfen werden, da sie grosse Probleme verursacht. Einerseits ist die Beschränkung auf 1000 Ziele aktuell nicht umsetzbar. Dies wegen der Harmonisierung und dem Aufbau über die insgesamt 11 Schuljahre. Andererseits würde der laufende Überarbeitungsprozess abrupt beendet, Verbesserungen verzögert und rund CHF 2.3 Mio. an Vorarbeit in Sand gesetzt. Die Starke Schule produziert hier ein Gstürm, will bestehende Handlungsfreiräume einschränken und frustriert mit ihrem Hü und Hott viele am Verbesserungsprozess Beteiligte. Sie torpediert zudem ihr eigenes Ziel, welches sie mit der Wahl von Monica Gschwind in den Regierungsrat verfolgte: Mehr Ruhe in der Bildungslandschaft.

 

Milizpolitik – woher kommst du – wohin gehst du?

„Carte blan­che“ der Volksstimme vom 21. Januar 2021

Charlotte Gaugler, Gemein­de­prä­si­den­tin, EVP, Lampenberg

«Und bei genauem Hinsehen ahnt man: Hinter der Verteidigung des Milizsystems steht eigentlich der unerschütterliche Glaube an die Kraft des Gewurstels».

Dieser Satz aus der Zeitschrift «Die Zeit» hat mich amüsiert und zugleich auch nachdenklich gestimmt. Per Definition ist Miliz (lat. Militia) ein Ausdruck aus dem Kriegswesen und ist eigentlich die Bezeichnung für Bürgerwehr, bzw. Volksheer im Gegensatz zum Begriff «Berufsheer». Ein Blick in die weitere Vergangenheit zeigt uns, dass die Milizarbeit, ob gänzlich ehrenamtlich oder entschädigt, eine lange Tradition hat. Es schien grundsätzlich Ehre und Pflicht, sobald man stimmberechtigt war, sich im Verein, für die Gemeinde oder die Gemeinschaft zu engagieren.

Heute hat diese «Volksaufgabe» sich nicht nur gewandelt, sondern einen zusätzlichen Touch erhalten. Frau und Mann engagiert sich, wenn überhaupt, vermehrt im Zusammenhang mit Ideologien, Haltungen und Gruppierungen. Was zur Folge hat, dass die ganz «banalen» Ämter in Gemeinden und Vereinen eher als nicht so erstrebenswerte Aufgabe erscheinen. Auch die Ehre aus der Vergangenheit ein solches Amt inne zu haben, ist verdunstet und einer erhöhten Kritikbereitschaft gewichen. Zudem sind die Menschen in unseren Breitegraden aus verschiedenen Gründen vermehrt mit sich selber beschäftigt. Ich möchte keinesfalls moralisieren oder jammern, ich beobachte die Entwicklung.

In der legislativen Politik hat sich, meiner Wahrnehmung nach, der Trend entwickelt, durch Hyperaktivität auf sich aufmerksam zu machen und mit Interpellationen und Motionen eine wahre Bearbeitungsflut in die Executive zu spülen, was mitverantwortlich zu sein scheint, die Politik unnötig träge und teuer zu machen. Es lebe der Dauer-Wahlkampf!

Zeitgleich nennt sich ein immer grösser werdender Anteil Bevölkerung «unpolitisch», was ich grundsätzlich als legitim erachte, sich jedoch in der Meinungsbildung, sprich in den Stimm- und Wahlbeteiligungen sowie den Resultaten niederschlägt. Soviel zum Privileg in einer Demokratie zu leben.

So wird die Milizpolitik immer öfter in Frage gestellt. Unabhängigkeit von Lobby und Partei!? Kann man Politik wirklich gänzlich «professionalisieren»?  

Die Milizarbeit beinhaltet in meinen Augen mehr als ein Neben- oder Ehrenamt im Sinne der gemeinnützigen Arbeit. Sie weist auf die Identität hin, die – falls verinnerlicht – eine der wichtigsten Stützen unserer schweizerischen politischen Kultur darstellt. Das Milizprinzip ist bis heute nachhaltig in der politischen Kultur der Schweiz verankert und eng mit der direkten Demokratie verknüpft.

Trotzdem wäre meines Erachtens dringend zu beachten: Weniger ist mehr!  Vermehrt gründlich überlegen und recherchieren, bevor Aktionen gestartet werden, die einen riesigen Aufwand in der Bearbeitung und minimalen, wenn überhaupt, Effekt, für die Bevölkerung haben. Wie zum Beispiel eine Befragung der Mitglieder der seit diesem Jahr neu gestarteten Versorgungsregionen Alter über den bisherigen Verlauf und die Erreichung der gesetzlichen Ziele, in dem gerade mal 20 Tage alten Jahr…