Menu Home

Newsartikel

Risikoreicher Einstieg ins Leben

Publiziert in der Volksstimme vom 9.10.2015

Andrea Heger, Land­rä­tin EVP, Höl­stein

Unser Leben ist nicht enden wol­len­den Risi­ken aus­ge­setzt. Dies bereits vor dem ers­ten bis zum letz­ten Atem­zug. Ab und zu hört man den Aus­spruch: Er/Sie hat gekämpft bis zum Schluss. Reich­lich inves­tie­ren wir, damit mög­lichst viele die­ser Kämpfe gegen den Tod gewon­nen oder die Unter­wer­fung zumin­dest hin­aus­ge­scho­ben wird.

Para­do­xer­weise schei­nen wir aber für ältere Leute viel kampf­be­rei­ter, als für die Jüngs­ten, die noch Unge­bo­re­nen. Mir fällt es auf jeden Fall schwer nach­zu­voll­zie­hen, wie unser natio­na­les Par­la­ment es beja­hen kann, dass zukünf­tig tau­sende Föten zuerst her­ge­stellt, dann ein­ge­fro­ren und spä­tes­tens nach zehn Jah­ren in nur leicht mini­mier­tem Umfang wie­der ent­sorgt wer­den.

Eini­gen Lesen­den ist wohl bereits klar gewor­den, dass ich mit mei­nen Aus­sa­gen das neue medi­zi­ni­sche Fort­pflan­zungs­ge­setz (FmedG) anspre­che. Seit 1992 ist bei uns in der Schweiz die In-vitro-Fertilisation (künst­li­che Befruch­tung im Rea­genz­glas) erlaubt. Lange war in unse­rer Ver­fas­sung ein Ver­bot ver­an­kert, die so gezeug­ten Embryos vor der Ein­pflan­zung in den Mut­ter­leib zu unter­su­chen oder ein­zu­frie­ren. Pro Zyklus war nur die Her­stel­lung von drei Embryo­nen erlaubt.

Seit letz­tem Juni ist dies anders. Volk und Stände bejah­ten knapp die Auf­he­bung des Ver­bots der Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik (PID). Laut Ver­fas­sung ist nun eine Aus­sor­tie­rung von Embryo­nen erlaubt. Nähere Ein­zel­hei­ten dazu regelt das neue FmedG. In die­sem Gesetz wird ver­an­kert, was an Mach­ba­rem tat­säch­lich prak­ti­ziert und was - vor allem aus ethi­schen Grün­den - immer noch ver­bo­ten oder nur ein­ge­schränkt erlaubt sein soll. Die Bera­tun­gen im National- und Stän­de­rat wur­den sehr kon­tro­vers dis­ku­tiert und schliess­lich die recht restrik­ti­ven Gren­zen im Vor­schlag des Bun­des­rats stark erwei­tert.

So sollte u.a. PID ursprüng­lich nur erb­lich vor­be­las­te­ten Eltern erlaubt wer­den. In der Schweiz wären davon etwa 50-100 Paare jähr­lich betrof­fen. Das Par­la­ment erlaubt die PID gene­rell für alle. Das erhöht den Druck auf Eltern kran­ker Kin­der und öff­net Tür und Tor für immer wei­tere Kri­te­rien, nach wel­chen Embryo­nen aus­sor­tiert wer­den dür­fen. In Gross­bri­tan­nien besteht bereits ein Bogen mit 250 Krank­hei­ten. Andern­orts gibt es gar „Bestell­bö­gen“ mit bis zu 400 Eigen­schaf­ten, die bewer­tet wer­den kön­nen. Wer auf ver­meint­li­che Sicher­heit aus ist, über­legt sich in Zukunft, ob er ein Kind nicht lie­ber von vorn­her­ein künst­lich her­stel­len will...

Viele Orga­ni­sa­tio­nen bekämpf­ten bereits die PID. Gegen das aus­ge­ar­bei­tete Gesetz macht nun eine noch brei­tere Front mobil. Nach offi­zi­el­ler Publi­ka­tion des FmedG im Bun­des­blatt ergriff die EVP das Refe­ren­dum. Unter­stützt wird sie von einem breit abge­stütz­ten, über­par­tei­li­chen Komi­tee und vie­len wei­te­ren Orga­ni­sa­tio­nen. Seit 1. Sep­tem­ber läuft die Sam­mel­frist. Inner­halb hun­dert Tagen sind 50'000 beglau­bigte Unter­schrif­ten abzu­ge­ben, damit das Volk abstim­men darf, ob es die­ses FmedG so will oder zur Über­ar­bei­tung zurück­weist.

Meine Unter­schrift steht bereits auf einem der Bögen. Und ich bin sehr zuver­sicht­lich, dass die ande­ren 49'999 sich auch rasch fin­den las­sen. Denn viele wol­len das Risiko min­dern und die Chan­cen erhö­hen, damit mög­lichst viele der – auf natür­li­chem oder künst­li­chem Wege – gezeug­ten Kin­der leben dür­fen!